Kommentar
Indrė Domarkaitė
13. Dezember 2024
Ab dem 1. September 2024 hat die Stadt Vilnius die Bus- und Trolleybus-Tickets digitalisiert. Diese Erneuerung klingt auf den ersten Blick wie ein großer Schritt nach vorn. Doch was bedeutet das für Touristen, ältere Menschen oder spontane Fahrgäste?
Papiertickets? Sie sind schon Geschichte. Die Zukunft gehört Monatskarten und kontaktlosem Bezahlen mit Karte oder Smartphone. Die Begründung der Stadtverwaltung: nicht nur Nachhaltigkeit, sondern auch Verbesserung der Reisesicherheit. Zudem hätten nur fünf Prozent der Fahrgäste überhaupt noch Papiertickets genutzt. Das klingt klug auf dem Papier, aber man sieht in der Praxis schnell die Schwachstellen.
Was passiert, wenn der Akku des Handys den Geist aufgibt oder die Bankkarte zu Hause liegt? Ganz einfach: der Bus fährt, und man bleibt stehen. Plötzlich wird die Rückkehr nach Hause zu einer unlösbaren Aufgabe. Für ältere Menschen, die oft weder Smartphones noch Kreditkarten verwenden, sieht es noch düsterer aus. Wie soll die Rentnerin aus einer anderen Stadt, die zum Arzttermin nach Vilnius reist, spontan ein digitales Ticket erwerben?
Und auch gibt es da noch das Problem mit den Rabatten. Wer mit Karte bezahlt, zahlt den vollen Preis. Ermäßigungen gibt es für Monatskarten oder die mobile App. Fortschritt ja, aber um welchen Preis? Statt Flexibilität und Fairness bringt die neue Regelung vor allem Stress für alle, die nicht nahtlos ins digitale Raster passen. Man kann sogar von einer Ungleichheit sprechen.
Vilnius will modern sein, jedoch die Realität zeigt, wer den Fortschritt ohne Rücksicht durchdrückt, schafft nicht Nachhaltigkeit, sondern neue Hürden. Nachhaltigkeit ist wichtig, aber sie sollte den Menschen nicht den Weg abschneiden. Ein Fortschritt, der nicht alle mitnimmt, ist gar kein Fortschritt.